Referenzen

Essen Kettwig / Ehem. Tuchfabrik (1868)

Text entnommen aus: WohnRaum Spezial, 11/2006 (1)
Der Begriff "Loft" stammt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt schlicht und einfach "Fabriketage". Andy Warhols "Factory" im New York der 60er Jahre gilt als eines der ersten und berühmtesten Lofts und Warhol als Mitbegründer dieses Lebensgefühls. Anfangs waren es arme Künstler, die sich aufgrund geringer finanzieller Mittel in ausgedienten Fabrikhallen Wohnung und Atelier einrichteten. Hier war enorm viel Platz und den Künstlern bot sich ein außergewöhnlicher Freiraum für ihre schöpferische Kreativität.

Heute ist das Leben im Loft nichts mehr für arme Leute. Alte Industriegebäude werden zu schicken, hochwertig ausgestatteten Wohnungen umgebaut, deren Höhe und Weite der Räume eine unvergleichliche Atmosphäre und nahezu unbegrenzte kreative Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Riesige Fensterfronten lassen viel Licht herein und vermitteln das Gefühl von Freiheit. Die besondere Architektur wird unterstrichen vom Flair vergangener Industriekultur, hervorgerufen durch absichtlich erhaltenen Elemente aus einstigen Zeiten der industriellen Nutzung wie alte Backsteinmauern, Stützen aus Holz, Beton oder Stahl.

"Loft-Living" in Harmonie mit idyllischer Natur
Am Ruhrufer des Essener Stadtteils Kettwig, in unmittelbarer Nähe des Ruhrstausees, steht die ehemalige Seidenweberei C.F. Klein-Schlatter. Das dreigeschossige Backsteingebäude wurde 1868 erbaut und war bis Ende der sechziger Jahre in Betrieb. Knapp 100 Jahre lang arbeiteten hier Tag ein Tag aus rund 800 Frauen an der Produktion des zarten und wertvollen Gewebes. Das kristallhelle Bergwasser des Ruhrstromes eignete sich damals hervorragend für die Färberei und Bleicherei der Textilfabrik. Der Brunnen mit eigenem Wasserrecht gehört bis heute zum Grundstück. Heute wird im Inneren des Gebäudes nicht mehr an Webstühlen gesessen, sondern exklusives Lebensgefühl genossen. Auf dem 1.600 Quadratmeter großen Grundstück sind zwölf höchst attraktive, sehr individuelle Loft-Wohnungen entstanden, deren Eigentümer den herrlichen Blick unmittelbar auf die Ruhr genießen können.

(1) mit freundlicher Genehmigung des Verlages


Eigentumswohnungen im Loft-Charakter hauchen Textilfabrik neues Leben ein.
Nach der Stilllegung der Fabrik, die vor allem wertvolle Seidenstoffe für Schirme herstellte, im Jahre 1969, wurden Teile des Gebäudes zeitweise für unterschiedliche Zwecke vermietet. Ein Teppich- und ein Autohändler bezogen einstweilig Quartier in der alten Weberei, ein Ingenieur nutzte Räume als Büro, eine Tanzschule fand hier eine Zeit lang ihren passenden Tanzsaal. Herr Niehaus, heute selber Eigentümer einer 220 Quadratmeter großen Loft-Wohnung im Objekt, hat das alte Fabrikgebäude von insgesamt 4.000 Quadratmetern Grundstücksfläche vor 15 Jahren erworben. 1999 begann er mit der Sanierung eines Teils der denkmalgeschützten Immobilie. Ein Loft nach dem anderen fand einen Käufer und wurde ganz nach Vorstellungen und Wünschen der Eigentümer aufgeteilt und ausgestattet. Im Jahre 2002 waren die Arbeiten der letzten Wohneinheit beendet. Die Sanierung der früheren Seidenweberei gelang höchst überzeugend. Heute verbinden sich am Leinpfad der Ruhr modernstes Wohnen und erholsame Natur.

Details aus der industriellen Vergangenheit wurden bewusst erhalten

An der Fassade der alten Weberei hat sich nicht viel verändert. Sie steht unter Denkmalschutz. Herr Niehaus plante Balkone an die Vorderseite der Fassade anzubauen - mit direkter Sicht auf die Ruhr. Dieses Vorhaben wurde von der Denkmalbehörde jedoch nicht genehmigt. Der Bauherr einigte sich statt dessen mit den Behörden über den Anbau von Wintergärten an der Rückseite des Gebäudes. Die hochrechteckigen stichbogigen großen Fenster haben heute weiße Holzrahmen, Kunststofffenster durfte Herr Niehaus nach Denkmalschutzbestimmungen nicht einbauen. Die historischen Stahlfensterkonstruktionen sind nicht entfernt worden, sondern befinden sich heute vor den etwas zurück gebauten funktionalen Fenstern. Ein Beispiel des gewünschten Fabrikcharme - Effektes, der sich aus der ästhetischen Verbindung von Altem und Neuen ergibt.


Mit dem Lift ins Loft
Das Innere der ehemaligen Fabrik wurde nicht komplett ausgekernt, wie es manchmal bei Industriebrachen gemacht wird. Die Rohbaukonstruktion ist weitgehend erhalten geblieben. Auch das Treppenhaus ist bis auf den Einbau einiger zusätzlicher Wohnungseingangstüren noch im ursprünglichen Zustand. Schon eindrucksvoll, die alten Sandsteintreppen zu betreten, bei der Vorstellung, dass hier Jahre lang hunderte von Arbeiterinnen während ihres Arbeitstages hinauf- und hinunter- liefen. Die Spuren der jahrelangen Abnutzung sind schließlich noch ganz deutlich sichtbar. Die Bewohner müssen jedoch nicht zwingend Treppensteigen, auf Wunsch befördert sie ein hochmoderner, edelstählerner Aufzug auch direkt in ihr Loft. Die alten Kappendecken mussten aufgrund des schlechten Zustandes in einigen Wohnungen rekonstruiert werden, in anderen konnten sie erhalten bleiben. In jedem Loft trifft man auf alte runde gusseiserne Säulen, die vom Boden bis an die über 4 Meter hohe Decke reichen. Hier waren damals die Webstühle befestigt, an denen die Frauen arbeiteten.

Ein weiteres Beispiel verbliebener Fabrikelemente vergangener Zeiten, wo die Räumlichkeiten noch Produktionsstätte waren. Die Rundsäulen machen sich heute sehr dekorativ in den hohen Räumen. Die Wohnungen die über drei Jahre hinweg entstanden sind, haben unterschiedliche Größen. Das Loft im eigentlichen Sinne hat so gut wie keine Wände und abgetrennte Räume, doch Herr Niehaus wollte den Eigentümern keinen standardisierten Ausbau anbieten. "Nein", sagt er, "jeder zukünftige Bewohner sollte sich seine zukünftige Wohnumgebung genauso herrichten können, wie er es braucht, um sich wohlzufühlen."


Überdurchschnittliche Raumhöhen bieten Platz für zusätzliche Galerien
So sind in der ehemaligen Fabrik C.F. Klein-Schlatter zwölf völlig unterschiedliche Loft-Wohnungen entstanden, jede mit einem einzigartigen und unvergleichbaren Raumgefühl. Meist gibt es einen riesigen Wohnbereich mit integrierter oder angrenzender offener oder halboffener Küche. Manche Eigentümer haben die Raumhöhe ausgenutzt und eine zweite oder sogar eine dritte Ebene eingezogen, um sich in luftiger Höhe einen Arbeits- oder Schlafplatz einzurichten. Auf die Galerien führen Treppen jeglicher Art: Spindeltreppen, gerade Treppen, Treppen im rechten Winkel, Treppen aus Holz, aus Stahl oder beidem, steil oder weniger steil, mit schmalen oder breiteren Stufen.

Bei der Materialauswahl wurde stets darauf geachtet, den industriellen Charakter zu unterstreichen. Dazu benötigt man eher raue, puristische Materialien, als hochglanzpolierte. Stahl, Holz und Glas harmonisieren sehr gut zusammen und sind auch in den Kettwiger Lofts recht häufig zu finden. Beinahe alle Wohnungen haben Parkettfußböden, doch immer wieder anders. Als ganz besonderes Highlight verfügen einige Lofts über Teilflächen aus Milchglasbausteinen. Dies unterstreicht noch zusätzlich die Transparenz und Offenheit im Loft.

Quelle: WohnRaum-Magazin, Ausgabe 9-11/2006